Ste­fa­nie Han­ke, Vize­prä­si­den­tin des Baye­ri­schen Bil­lard­ver­bands und zustän­dig für die Orga­ni­sa­ti­on der Trai­ner/in­nen­aus- und ‑fort­bil­dung, ent­wi­ckel­te im Rah­men ihrer Aus­bil­dung zur Demo­kra­tie­trai­ne­rin eine Fort­bil­dungs­ein­heit zum The­ma „Inter­kul­tu­rel­les Ler­nen“. Ihr Pra­xis­pro­jekt umfasst eine Viel­zahl spie­le­ri­scher Übun­gen, die Ste­reo­ty­pe, Vor­ur­tei­le sowie die Eigen- und Fremd­wahr­neh­mung in den Mit­tel­punkt stellen.

Das Ziel: die inter­kul­tu­rel­le Kom­pe­tenz von Trainer/innen nach­hal­tig stärken.

In einer immer diver­ser wer­den­den Gesell­schaft spielt Inter­kul­tu­rel­le Kom­pe­tenz eine ent­schei­den­de Rol­le, auch und gera­de im Sport. Denn Ver­ei­ne sind nicht nur Orte der kör­per­li­chen Betä­ti­gung, son­dern auch Räu­me, in denen Men­schen unter­schied­li­cher Hin­ter­grün­de auf­ein­an­der­tref­fen. Ziel des Pra­xis­pro­jekts zur inter­kul­tu­rel­len Kom­pe­tenz im Rah­men der Aus­bil­dung zur Demokratietrainer/in war es, Trainer/innen durch pra­xis­na­he Übun­gen zu befä­hi­gen, ein Bewusst­sein für inter­kul­tu­rel­le Dyna­mi­ken zu ent­wi­ckeln und die­se aktiv in ihre Trai­nings­pra­xis zu integrieren. 

Den Weg dort­hin ebne­ten für Ste­fa­nie Han­ke vor vie­len Jah­re bereits per­sön­li­che Erfah­run­gen aus einem Frei­wil­li­gen­dienst, den sie zwi­schen Schu­le und Lehr­amts­stu­di­um im Aus­land absol­viert hat­te. Die Vor­be­rei­tungs­se­mi­na­re zur Ent­sen­dung hät­ten sie in die Welt des Per­spek­tiv­wech­sels ohne päd­ago­gisch erho­be­nen Zei­ge­fin­ger geführt. „Sie zeig­ten mir, dass inter­kul­tu­rel­les Ler­nen gar nicht nur auf Begeg­nun­gen mit Men­schen ande­rer Natio­nen anwend­bar, son­dern viel­mehr in jeg­li­chem Aus­tausch mit ande­ren Men­schen hilf­reich sein kann, um deren Gedan­ken und Hand­lun­gen nach­voll­zie­hen zu kön­nen“, stellt Ste­fa­nie Han­ke fest. Damit waren auch schon die Leit­plan­ken gesetzt für ihr Pra­xis­pro­jekt zur Inter­kul­tu­rel­len Kompetenz.

Prak­ti­sche Umset­zung des Projekts

Die Fort­bil­dung wur­de im Herbst 2024 für sechs bis 12 Teil­neh­men­de kon­zi­piert und umfass­te fünf Lern­ein­hei­ten. Die ange­spro­che­ne Ziel­grup­pe bestand zumeist aus Män­nern mitt­le­ren Alters, die häu­fig schon seit Jah­ren Trai­ning in ihren Ver­ei­nen geben und im Fort­bil­dungs­be­reich noch eher wenig Erfah­rung mit sport­art­über­grei­fen­den The­men haben. „Die Metho­den zie­len auf einen mög­lichst nied­rig­schwel­li­gen und für die genann­te Ziel­grup­pe moti­vie­ren­den Ein­stieg in das The­ma Inter­kul­tu­rel­les Ler­nen ab“, so die Autorin über ihren Ansatz.

Der beson­de­re Fokus des Pro­jekts lag auf inter­ak­ti­ven Übun­gen, die sowohl reflek­ti­ve als auch hand­lungs­ori­en­tier­te Ele­men­te ent­hiel­ten – ein­schließ­lich vie­ler klei­ner und gro­ßer Per­spek­tiv­wech­sel als Her­aus­for­de­rung und Über­ra­schungs­mo­ment. Auf eine akti­ve Ein­heit folg­te nach der Refle­xi­on meist ein the­ma­tisch pas­sen­der Input, den die Teil­neh­men­den mit den gera­de gemach­ten Erfah­run­gen abglei­chen konn­ten. Auf die­se Wei­se bekam der theo­re­ti­sche Input eine wesent­lich höhe­re Rele­vanz für die Teilnehmer/innen und konn­te län­ger­fris­tig gemerkt wer­den. Die Abs­trakt­heit der Übun­gen nahm Lauf des Lehr­gangs zu. 

Hier bei­spiel­haft eini­ge the­men­be­zo­ge­ne Übungen:

  1. Ste­reo­ty­pe und Vorurteile
  • Im „Tele­spiel“, einer Part­ner­übung, schätz­ten die Teil­neh­men­den Beru­fe, Hob­bys und Eigen­schaf­ten ihres Gegen­übers ein. Die Refle­xi­on zeig­te auf, wie stark unser Bild von Men­schen durch ers­te Ein­drü­cke geprägt ist. 
  • In der Übung „Such‘ das Vor­ur­teil“ posi­tio­nier­ten sich die Teil­neh­men­den zu Aus­sa­gen wie „Du bist ein Stadt­kind“ oder „Du bist ein Land­kind“. Anschlie­ßend soll­ten sie Vor­ur­tei­le über die jeweils ande­re Grup­pe benen­nen, dis­ku­tie­ren und dekon­stru­ie­ren. Die­se Übung mach­te deut­lich, wie leicht Ste­reo­ty­pe ent­ste­hen und wie wich­tig es ist, sie zu hinterfragen.
  1. Ambiguitätstoleranz

Ambi­gui­täts­to­le­ranz bezeich­net die Fähig­keit, mehr­deu­ti­ge Situa­tio­nen und wider­sprüch­li­che Hand­lungs­wei­sen zu ertragen.

  • Übung „Irgend­et­was stimmt hier nicht“
    Mit unge­wöhn­li­chen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­an­wei­sun­gen wie „Immer am Gesicht des Gegen­übers vor­bei­schau­en“ oder „Immer zehn Sekun­den war­ten, bevor man spricht“ wur­den Gesprächs­si­tua­tio­nen simu­liert, die Ver­wir­rung stif­te­ten. Die Teil­neh­men­den reflek­tier­ten anschlie­ßend ihre Reak­tio­nen und lern­ten, mit Mehr­deu­tig­kei­ten umzugehen. 
  • Spiel „Bil­lard der Begeg­nung“
    Hier wur­den an unter­schied­li­chen Tischen vari­ie­ren­de Regeln ein­ge­führt, die zu Beginn nicht kom­mu­ni­ziert wur­den. Das bewuss­te Erle­ben von Ver­wir­rung und die Suche nach Lösun­gen ver­deut­lich­ten die Her­aus­for­de­run­gen inter­kul­tu­rel­ler Begeg­nun­gen. Alter­na­tiv für Nicht-Bil­lard­spie­ler wur­de das sel­be Prin­zip über­ra­schen­der Regel­wech­sel auf ein inter­kul­tu­rel­les Mau-Mau-Spiel angewandt.
  1. Eigen- und Fremdwahrnehmung
  • Text­ar­beit „Mei­ne eige­ne Her­kunft“
    Die Teil­neh­men­den lasen einen Text mit typi­schen Zuschrei­bun­gen für ärme­re, unter­ent­wi­ckel­te Län­der. Am Ende waren sie über­rascht zu erfah­ren, dass der beschrie­be­ne Kon­text Deutsch­land betraf. Die Refle­xi­on beleuch­te­te, wie stark wir kul­tu­rel­le Ste­reo­ty­pe ver­in­ner­licht haben und wie oft wir die­se nicht auf uns selbst, son­dern nur auf ande­re beziehen. 
  • Kar­te „Euro­pe accor­ding to Ger­ma­ny“
    Anhand einer humor­vol­len Kar­te dis­ku­tier­ten die Teil­neh­men­den Fremd- und Selbst­bil­der Deutsch­lands aus inter­na­tio­na­ler Per­spek­ti­ve. Dazu galt es, frem­de Vor­ur­tei­le in Bezug auf Deutsch­land ein­zu­ord­nen und in Bezie­hung zu set­zen zu den eige­nen Vor­ur­tei­len ande­ren Men­schen und Kul­tu­ren gegenüber. 
  • Umdeu­ten
    Die Teil­neh­men­den beka­men ein Arbeits­blatt mit mehr­deu­tig for­mu­lier­ten, ten­den­zi­ell nega­ti­ven Eigen­schaf­ten und soll­ten die­se posi­tiv umdeu­ten. Die Fra­ge „Wel­che posi­ti­ven Eigenschaften/Motivationen könn­ten hin­ter die­sem Ver­hal­ten ste­cken?“ wur­de zu einer Ein­la­dung zum Per­spek­tiv­wech­sel und zur kri­ti­schen Selbstreflexion.

Rele­vanz für den Sport und die Gesellschaft

Das Pra­xis­pro­jekt von Ste­fa­nie Han­ke zeigt über­aus anschau­lich und nach­voll­zieh­bar, wie Sport­ver­ei­ne zu Lern­or­ten für inter­kul­tu­rel­le Kom­pe­tenz wer­den kön­nen. Das Teil­neh­men­den-Feed­back aus dem Bil­lard-Sport fiel posi­tiv aus: Die vor­ge­stell­ten Übun­gen för­der­ten auf spie­le­ri­sche und unter­halt­sa­me Wei­se das Ver­ständ­nis für kul­tu­rel­le Unter­schie­de, stärk­ten die Team­ar­beit und sen­si­bi­li­sier­ten für den Umgang mit Diver­si­tät – alles Vor­aus­set­zun­gen für eine viel­fäl­ti­ge und respekt­vol­le Gesell­schaft. Und für ein gedeih­li­ches Mit­ein­an­der über kul­tu­rel­len Gren­zen hin­aus im Sport.